Kürzlich las ich in einem Zeitungsbericht von einer tragikomisch anmutenden Situation, in der ein ganz normaler Mann mittleren Alters steckte: Vor ein paar Jahren hatte er dank eines Erbes die Möglichkeit, ein Haus für sich und seine Familie in einem beschaulichen Vorort zu erwerben. Das Haus gefiel ihm sehr, das Leben im Vorort wusste er ebenfalls zu schätzen. Er war rundum glücklich. Bis zu dem Tag, als ein noch wohlhabenderer Herr etwa 200 Meter entfernt ein viel größeres Haus errichten ließ. Im Vorgarten desselben plätscherte sogar tagein-tagaus ein Springbrunnen fröhlich vor sich hin. -Ein Geräusch, das unseren Protagonist schier zermürbte. Die bloße Exisitenz des (vermeintlichen) Konkurrenten in seiner Villa mit dem unüberhörbar sprudelnden Springbrunnen bewirkte solche Seelenqualen, dass ihm sein ganzes Glück vergällt wurde. Plötzlich plagten ihn Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck, obwohl er an seiner Lebensweise – Ernährung und Bewegung inklusive – nichts geändert hatte.
Dieser Bericht erinnerte mich an eine US-amerikanische Studie, die bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer mittelgroßen Stadt der Vereinigten Staaten durchgeführt wurde. Was die Forscher auf ebendiesen Ort aufmerksam werden ließ, war der Umstand, dass die Herz-Kreislauf-Erkrankungen dort sehr viel weniger stark ausgeprägt waren als im Rest der USA. Hatten die Einwohner der Stadt Roseto in Pennsylvania womöglich ein Geheimrezept gegen Herzinfarkt & Co. gefunden? Doch welches mochte das sein? Die Wissenschaftler begaben sich also nach Roseto und untersuchten die Lebensweise der dortigen Menschen.
Tatsächlich unterschieden sich die Lebensgewohnheiten der Einwohner Rosetos nicht großartig von denen anderer US-Amerikaner. Sie aßen reichhaltig, frönten dem Alkohol und rauchten, trieben jedoch weniger Sport als ihre Landsleute. Doch eines fiel den Forschern auf: Egal welchen Tätigkeiten die Leute nachgingen und wie viel Gehalt damit verbunden war, sie lebten alle in etwa auf dem gleichen Level: Ihre Häuser waren gleich groß, sie fuhren Mittelklassewagen und auch ihre Kleidung bezogen sie aus denselben Läden im Ort. Ob Bürgermeister oder Reinigungskraft, die Menschen unterschieden sich nicht. Reichtum wurde nicht demonstrativ zur Schau gestellt. Die Nachbarn pflegten den gleichen Lebensstil.
Der Effekt des sozialen Miteinanders war erstaunlich: In der Untersuchungszeit war die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten bei Männern über 65 Jahren in Roseto ungefähr halb so hoch wie in vergleichbaren Gemeinden beziehungsweise im US-Durchschnitt.
Die Forscher vermuteten deshalb, dass nicht Ernährung, Bewegung oder genetische Faktoren das Geheimnis erklärten, sondern vor allem das soziale Miteinander: Großfamilien, enge Nachbarschaften, zahlreiche Vereine, gemeinschaftliches Leben und eine Kultur, in der man seinen Wohlstand nicht zeigte. Das alles suggerierte den Einwohnern Rosetos zumindest eine soziale Gleichheit.
Vielleicht ist es also gar nicht der Reichtum des anderen, der uns unglücklich macht, sondern das Gefühl, mit ihm mithalten zu müssen. Der größere Wagen, das schönere Haus oder eben der Springbrunnen im Vorgarten – all das bekommt erst dann Macht über unser eigenes Glück, wenn wir anfangen, unseren Wert daran zu messen.
Wir müssen nicht unbedingt weniger besitzen. Aber wir könnten versuchen, weniger zu vergleichen.
Unserem Herz-Kreislaufsystem würden wir damit jedenfalls einen großen Gefallen tun.
