Wie viel doch gleichzeitig geschieht!: Man bepflanzt die Balkonkästen, während man schon überlegt, was man sich zum Mittagessen kocht. Man genießt das schöne Wetter draußen, während andere zur gleichen Zeit im künstlichen Licht einer Versandhalle Kartons stapeln. Man geht seinem Alltag nach, während jemand anders im Krankenhaus liegt und stirbt – und noch jemand anderes befindet sich vielleicht sogar im selben Krankenhaus und bringt in diesem Moment ein Kind zur Welt.
Diese Gleichzeitigkeit ist es, die vieles relativiert. Zum ersten Mal wurde sie mir bewusst, als ich in der Schule war und über einer Klausur brütete. Frustriert angesichts einer für mich unlösbaren Aufgabe hob ich den Kopf und schaute aus dem Fenster, blickte auf die Straße vor der Schule, die im Sonnenschein lag. Autos fuhren vorbei, eine Frau lief schnellen Schrittes den Bürgersteig entlang. Diese fast schon fröhliche Normalität dort draußen erschien mir geradezu respektlos: Während ich für eine gute Note schuften musste, drehte sich die Welt einfach weiter. Als seien meine mit der Klausur und deren Note verbundenen Ängste und Sorgen eigentlich bedeutungslos. Und ganz bestimmt waren sie das auch – im Großen und Ganzen betrachtet.
Jetzt in diesem Moment, wo ich vor meinem Laptop sitze und schreibe, während es draußen leise vor sich hin nieselt, liegt meine Schwiegermutter im Sterben. Von Beruhigungsmitteln benebelt geht sie womöglich ihren Tagträumen nach, ihre Söhne am Krankenbett wiederum zerbrechen sich den Kopf darüber, auf welchem Friedhof ihre Mutter bestattet werden soll – und wen sie zur Beerdigung einladen werden. Während die eine langsam schwindet, geht für die anderen das Leben weiter. Spuren hinterlässt ihr Ableben trotzdem. Wenngleich nur minimal, wird das Leben ihrer Angehörigen sich verändern. Ja, möglicherweise wird es ihre Hinterbliebenen sogar selbst verändern, spüren sie doch zum ersten Mal, was es bedeutet, jemanden für immer zu verlieren.
Zwar wissen wir alle, dass wir irgendwann sterben müssen, doch kaum einer lebt so, als sei ihm das wirklich bewusst. Die Konfrontation mit dem Tod – sei es durch eine schwere Krankheit, einen Unfall oder den Verlust eines geliebten Menschen – ist oft ein tiefer Einschnitt. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom posttraumatischen Wachstum, bei dem Menschen nach einer Krise eine neue, tiefere Wertschätzung für das Leben entwickeln.
Nach getaner Arbeit fuhr ich letztens mit dem Rad an den See, um schwimmen zu gehen. Erst ließ ich mich im Wasser treiben und im Anschluss setzte ich mich auf die Wiese und ließ den Blick über den See gleiten. Es fing leicht an zu nieseln, aber das machte mir nichts aus. In mir kehrte eine vollkommene Stille ein und mir wurde klar: Was ist das Leben doch schön. Wer weiß, vielleicht wäre mir dieser Gedanke nicht gekommen, wenn ich nicht hätte an meine Schwiegermutter denken müssen, deren Diagnose ich da bereits kannte.
