„Lügen über meine Mutter“ heißt ein Film, der heute im Kino anläuft und dessen Stoff auf einem gleichnamigen Roman beruht. Ein vom Feuilleton hochgelobtes Buch im Übrigen, dessen Titel ich mir, nachdem ich kurz die Inhaltsangabe überflogen habe, sofort notiert habe. -Denn es klingt vielversprechend, vor allem weil es sich um ein Problem dreht, über das ich mich schon allzu oft geärgert habe:
Eine Tochter schildert (aus Kinderaugen) die Beziehung ihrer Eltern, die insbesondere von der Obsession des Vaters mit dem Gewicht der Mutter geprägt ist. Er findet seine Frau zu dick – und zwingt sie, abzunehmen.
Wie die Geschichte ausgeht, muss ich selbst erst lesen. Das Thema erinnert mich jedoch stark an das Verhältnis meiner Schwiegereltern zueinander, das vor allem von Kontrollsucht geprägt ist. Meine Schwiegermutter schreibt ihrem Mann nicht nur vor, was er essen darf (und was nicht), sie hat ihm zudem verboten, Alkohol zu trinken und zu rauchen. Natürlich alles unter dem Deckmantel eines gesunden Lebensstils.
Der Vorwurf „Du bist zu dick!“ fiel allerdings ebenfalls unzählige Male – selbst vor Gästen, sonst könnte ich nicht davon berichten.
Umgang mit manipulativen Menschen
Sie ist eindeutig der dominante Part in der Beziehung, doch könnte sie nicht bestimmen, wenn es nicht jemandem gäbe, der ihre Kommandos eifrig befolgt. Nun möchte ich nicht nach den Gründen für diese mehr als merkwürdige Partnerschaft forschen. Dazu fehlt mir schlicht der psychologische Hintergrund. Ich will vielmehr auf meine Rolle als Außenstehende, als Beobachterin, aber auch Leidtragende eingehen.
Das Verhalten meiner Schwiegereltern hat mich zunächst amüsiert, später betrachtete ich es kritischer und am Ende hat es mich nur noch abgestoßen.
Ich finde beide Parteien gleichermaßen verachtenswert, sowohl die Dominanz meiner Schwiegermutter als auch die Unterwürfigkeit meines Schwiegervaters. Trotzdem habe ich mich lange herausgehalten, habe nichts gesagt, nie Partei ergriffen – und mich nie gewehrt, als die Manipulationsversuche meiner Schwiegermutter auch in meine Richtung zielten. Bis ich mich schließlich zurückzog. Ich habe den Kontakt mittlerweile abgebrochen. Ohne Therapie wäre mir diese Möglichkeit nie in den Sinn gekommen. Gewissensbisse und Selbstzweifel haben mich stets davor bewahrt, für mich selbst einzustehen. Auf meine eigenen Bedürfnisse zu hören, das habe ich tatsächlich erst mit Anfang 40 gelernt! Nun, immerhin habe ich es geschafft – und einige meiner Erfahrungen möchte ich mit Ihnen teilen:
Sich von manipulativen Menschen zu lösen, beginnt bei einem selbst
Was ich erst sehr spät verstanden habe: Ich muss nicht erst herausfinden, warum ein anderer Mensch sich so verhält, wie er sich verhält. Und ich muss ihn auch nicht davon überzeugen, dass sein Verhalten falsch ist. Oft genug dringt man mit solchen Versuchen nämlich überhaupt nicht durch.
Vergebene Liebesmüh, sozusagen.
Gerade Menschen, die lange mit Kontrolle und Manipulation zu tun hatten, verbringen erstaunlich viel Zeit damit, das Verhalten des anderen zu analysieren. Warum tut er das? Warum lässt sie sich das gefallen? Warum reagiert er so empfindlich? Habe ich vielleicht doch etwas falsch gemacht? War meine Kritik berechtigt? Habe ich übertrieben?
Man kann sich damit jahrelang beschäftigen. Und währenddessen übersieht man leicht die eigentlich viel wichtigere Frage: Wie geht es mir eigentlich damit?
Das ist deshalb so wichtig, weil Manipulation häufig nicht mit einem großen Knall beginnt. Sie kann sich in kleinen Bemerkungen verstecken, in ungefragten Ratschlägen, in Vorwürfen oder in der Erwartung, dass man sich gefälligst so verhält, wie es dem anderen passt. Wer immer wieder hört, was er falsch macht, beginnt irgendwann tatsächlich, an sich selbst zu zweifeln.
Genau hier sollte man aufmerksam werden.
Nicht jede Grenze braucht eine Rechtfertigung
Ich habe lange geglaubt, ich müsse meine Entscheidungen gegenüber anderen begründen. Wenn ich mich über etwas ärgerte, musste ich erklären können, warum. Wenn mir etwas zu viel wurde, musste es dafür einen möglichst guten Grund geben. Und wenn ich mich von einem Menschen zurückziehen wollte, erschien mir das geradezu unhöflich.
Heute sehe ich das anders. Ein „Das möchte ich nicht“ ist bereits eine ausreichende Begründung.
Man muss nicht erst eine wissenschaftliche Abhandlung über das Fehlverhalten eines anderen Menschen verfassen, bevor man eine Grenze ziehen darf. Und man muss auch nicht darauf warten, dass der andere (oder sogar Angehörige und Freunde) diese Grenze gutheißt.
Das gilt insbesondere für Menschen, die Grenzen grundsätzlich als Angriff verstehen. Wer es gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen, wird einen Widerspruch möglicherweise nicht einfach akzeptieren. Er wird diskutieren, argumentieren, Vorwürfe machen oder versuchen, Schuldgefühle zu wecken.
Das kann ziemlich unangenehm sein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Mann und ich meiner Schwiegermutter einst mitteilten, dass ihre täglichen Anrufe einfach zu viel für uns waren. Wir nahmen uns ein Herz und baten sie, nur noch einmal pro Woche anzurufen. Sie rastete daraufhin dermaßen aus, dass wir ihre täglichen Anrufe schließlich doch wieder annahmen. Im Nachhinein wissen wir, dass dieser Rückzieher natürlich falsch war. Doch in besagtem Moment fühlten wir uns zu unbehaglich, um auf unserem Standpunkt zu beharren.
Aber Unbehagen ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass man etwas falsch macht.
Manchmal ist es schlicht das Gefühl, das entsteht, wenn man zum ersten Mal etwas anders macht als bisher.
Manipulation erkennt man oft daran, wie man sich selbst fühlt
Es gibt natürlich eindeutige Formen von Kontrolle und Manipulation. Aber im Alltag ist es nicht immer so einfach, das Verhalten eines anderen Menschen einzuordnen.
Deshalb kann es hilfreicher sein, weniger auf die Absicht des anderen und mehr auf die Wirkung auf sich selbst zu achten.
Fühle ich mich nach Gesprächen regelmäßig schuldig? Habe ich das Gefühl, mich ständig rechtfertigen zu müssen? Traue ich mich nicht mehr, bestimmte Dinge anzusprechen, weil ich die Reaktion des anderen fürchte? Passe ich mein Verhalten ständig an, nur damit es keinen Streit gibt?
Und vielleicht die wichtigste Frage: Fühle ich mich in Gegenwart dieses Menschen noch frei, ich selbst zu sein?
Wenn die Antwort immer wieder Nein lautet, sollte man das ernst nehmen.
Dabei muss der andere nicht einmal ein „schlechter Mensch“ sein. Manchmal passen zwei Menschen schlicht nicht zusammen. Manchmal entwickelt sich eine Beziehung in eine Richtung, die einem nicht guttut. Und manchmal ist jemand tatsächlich kontrollierend oder manipulativ.
Für die eigene Entscheidung muss man das jedoch nicht endgültig klären.
Was tun, wenn man nicht direkt beteiligt ist?
Besonders schwierig wird es, wenn man die Kontrolle nicht selbst erfährt, sondern bei einem Menschen beobachtet, der einem nahesteht.
Man sieht beispielsweise, wie ein Partner seine Frau ständig kritisiert. Oder wie ein Elternteil das erwachsene Kind bevormundet. Man hört Vorwürfe, Demütigungen oder scheinbar fürsorgliche Anweisungen und fragt sich: Warum lässt sich dieser Mensch das gefallen?
Die Versuchung ist groß, den Betroffenen wachrütteln zu wollen.
Das funktioniert allerdings nicht immer. Wer selbst in einer solchen Beziehung steckt, sieht die Situation möglicherweise ganz anders. Er liebt den anderen, ist emotional abhängig, hat Angst vor Konsequenzen oder hat sich schlicht so sehr an die Dynamik gewöhnt, dass sie ihm normal erscheint.
Von außen ist es deshalb oft schwer zu beurteilen, was man tun sollte. Man kann seine Unterstützung anbieten. Man kann sagen: „Wenn du darüber reden möchtest, kannst du jederzeit zu mir kommen.“ Man kann deutlich machen, dass man bestimmte Verhaltensweisen nicht in Ordnung findet. Aber man kann einen anderen erwachsenen Menschen nicht dazu zwingen, sich aus einer Beziehung zu lösen.
Und man sollte aufpassen, nicht selbst Teil des Machtspiels zu werden!
Denn genau das kann passieren, wenn man ständig vermittelt, Nachrichten überbringt, Partei ergreift oder versucht, den kontrollierenden Menschen zu „bekämpfen“. Plötzlich dreht sich das eigene Leben ebenfalls nur noch um diese Beziehung.
Auch als Außenstehender darf man Grenzen setzen
Das habe ich selbst lernen müssen. Nur weil ich nicht diejenige war, die kontrolliert wurde, bedeutete das nicht, dass ich mich jedem Verhalten aussetzen musste. Die Tatsache, dass es sich um die Beziehung zweier anderer Menschen handelt, verpflichtet mich nicht dazu, deren Konflikte auszuhalten.
Ich darf ein Gespräch beenden, wenn ich beleidigt werde.
Ich darf mich weigern, über bestimmte Themen zu diskutieren.
Ich darf sagen: „Das entscheide ich selbst.“
Ich darf eine Einladung ablehnen.
Ich darf einen Raum verlassen.
Und ja: Ich darf den Kontakt zu einem Menschen reduzieren oder sogar ganz abbrechen, wenn ich immer wieder merke, dass mir diese Beziehung schadet.
Das klingt hart. Ist es manchmal auch.
Aber eine Grenze ist keine Strafe. Sie soll den anderen nicht erziehen. Sie soll mich schützen.
Weniger erklären, mehr handeln
Gerade gegenüber kontrollierenden Menschen kann es sinnvoll sein, nicht jede Grenze endlos zu erklären. In gesunden Beziehungen ist das anders: Dort hilft ein Gespräch oft weiter, und Erklären ist keine Schwäche, sondern Teil von Nähe. Wer seine Grenzen aber immer wieder übergangen sieht, sollte sich nicht in Dauerdiskussionen verwickeln lassen. Je mehr man argumentiert, desto mehr Material liefert man für die nächste Diskussion.
Eine Grenze wird nämlich erst dann zu einer Grenze, wenn auf ihre Überschreitung eine Konsequenz folgt. Wer beispielsweise sagt, „Wenn du mich anschreist, beende ich das Gespräch“, sollte das Gespräch anschließend tatsächlich beenden.
Nicht, um den anderen zu bestrafen. Sondern weil man sich selbst ernst nimmt.
Schuldgefühle sind kein Beweis dafür, dass man etwas falsch macht
Für mich war das vermutlich die schwierigste Erkenntnis.
Wenn man lange gelernt hat, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen, kann sich Selbstschutz zunächst egoistisch anfühlen. Man bekommt ein schlechtes Gewissen. Man fragt sich, ob man nicht doch nachgeben sollte. Vielleicht hat der andere es gar nicht so gemeint. Vielleicht bin ich zu empfindlich. Vielleicht könnte ich mich einfach ein bisschen mehr anstrengen.
Diese Gedanken können sehr überzeugend sein. Sie sind aber nicht zwangsläufig richtig.
Man darf einen Menschen enttäuschen, ohne ihm Unrecht zu tun. Man darf Nein sagen, ohne herzlos zu sein. Und man darf sich aus einer Beziehung zurückziehen, ohne den anderen zum Bösewicht erklären zu müssen.
Manchmal bedeutet Selbstfürsorge schlicht, sich selbst nicht länger zum Preis für den Frieden mit einem anderen Menschen zu machen.
Und manchmal braucht es Abstand
Wer immer wieder versucht, die eigene Grenze zu verschieben, wird möglicherweise protestieren, sobald man sie endlich ernst nimmt. Das bedeutet nicht, dass die Grenze falsch ist.
Manchmal ist der Protest ein Hinweis darauf, dass sie längst überfällig war. Manchmal ist er aber auch schlicht Verletztheit, ohne dass der andere manipulieren will. Beides kann sein, und für die eigene Grenze muss man es nicht endgültig klären.
Hilfe anzunehmen, ist kein Versagen
Und schließlich: Man muss das nicht alles allein schaffen.
Psychotherapie kann dabei helfen, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wieder wahrzunehmen, alte Schuldgefühle zu verstehen und Grenzen einzuüben. Gerade wer über Jahre gelernt hat, es anderen recht zu machen, braucht manchmal Unterstützung dabei, sich selbst wieder wichtiger zu nehmen. Ich jedenfalls hätte ohne Therapie vermutlich noch sehr viel länger gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich nicht für das Verhalten anderer Menschen verantwortlich machen muss.
Heute weiß ich: Ich kann andere Menschen nicht verändern. Ich kann ihnen auch nicht jede Entscheidung abnehmen.
Aber ich kann entscheiden, wie viel Raum ihr Verhalten in meinem eigenen Leben bekommt.

Auf einen Blick: Sich aus einer schädlichen Beziehung lösen
- Beim eigenen Erleben ansetzen: Die Frage “Wie geht es mir damit?” ist wichtiger, als das Verhalten des anderen zu analysieren oder ihn zu überzeugen.
- Auf die Wirkung achten: Schuldgefühle, ständiges Rechtfertigen und Anpassen aus Angst vor Streit sind Warnsignale. Ob der andere es böse meint, muss man dafür nicht klären.
- Grenzen brauchen keine Begründung: Ein “Das möchte ich nicht” genügt. Unbehagen heißt nicht, dass man etwas falsch macht.
- Weniger erklären, mehr handeln: Bei Menschen, die Grenzen nicht respektieren, liefern Erklärungen nur Stoff für neue Diskussionen. In gesunden Beziehungen hilft Reden oft weiter.
- Konsequent bleiben: Eine Grenze wird glaubwürdig, wenn man bei ihrer Überschreitung tatsächlich handelt, zum Selbstschutz und nicht als Strafe.
- Auch Außenstehende dürfen Grenzen setzen: Man kann Unterstützung anbieten, muss aber nicht jedes Verhalten aushalten. Man sollte nicht selbst Teil des Machtspiels werden.
- Schuldgefühle sind kein Beweis: Man darf Nein sagen und enttäuschen, ohne herzlos zu sein.
- Abstand ist legitim: Er reicht von selteneren Treffen bis zum Kontaktabbruch. Protest des anderen kann ein Hinweis auf eine überfällige Grenze sein, muss es aber nicht.
- Hilfe annehmen: Psychotherapie kann helfen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und Grenzen einzuüben.
- Kernbotschaft: Man kann andere nicht kontrollieren, aber entscheiden, wie viel Raum ihr Verhalten im eigenen Leben bekommt.




