nervende enkel

Wenn Enkel zur Belastung werden: Was Großeltern tun können

Wenn sich die Enkelkinder zu einem Besuch ankündigen, ist das für die meisten Großeltern ein Grund zur Freude. Schließlich bringen die Kleinen mal wieder Leben in die Bude, sorgen für witzige Situationen, über die man herzlich lachen kann, und regen zum Perspektivwechsel an. Doch sie bringen Oma und Opa auch manchmal an ihre Grenzen.

So hörte ich einen Mann Ende 60 einmal schwer seufzen: „Meine Tochter war so ein liebes, artiges Kind, das uns nie gestresst hat. Es ist mir ein Rätsel, weshalb ihre eigenen Söhne so anders sind. Warum ist sie nur mit diesen kleinen Monstern gestraft?“ Gemeint waren seine beiden Enkel im Alter von drei und sechs Jahren, die das Wochenende über zu Besuch bei ihren Großeltern waren.

Im Beisein ihrer Mutter haben sie sich dort nicht gerade von ihrer Schokoladenseite gezeigt: Jede Aufforderung seitens der Erwachsenen wurde mit einem Nein oder schlicht mit einem Schulterzucken quittiert. Gemeinsame Ausflüge waren höchstens für eine halbe Stunde interessant, dann wurde nach Handy oder Tablet verlangt. Schließlich wurden Oma und Opa auch noch Zeuge diverser Wutanfälle des Sechsjährigen, die derart eskalierten, dass die Großeltern sich gezwungen sahen, einzuschreiten. Ihre Tochter betrachtete dies jedoch als Affront.

Als der Besuch sich Sonntagabend wieder verabschiedete, waren die Großeltern zwar erleichtert, „es hinter sich gebracht zu haben“, doch es plagten sie auch Zweifel. So waren insbesondere Opa hin und wieder verletzende Kommentare gegenüber seiner Tochter und ihrem Erziehungsstil herausgerutscht. Außerdem konnte er seine zunehmende Aversion gegenüber dem „nervigen“ Enkelkind kaum verbergen. Dabei sieht sich die Familie aufgrund der geografischen Distanz zwischen ihren Wohnorten nur selten.

Schade, dass man nicht so fröhlich auseinandergehen konnte, wie man ins Wochenende gestartet war.

Wie sollten sich Oma und Opa jedoch verhalten, wenn sie ihr Enkelkind zwar anstrengend finden, aber trotzdem gute Großeltern sein wollen?

Was tun, wenn die Enkel eine Belastung darstellen?

Erst einmal: Enkel dürfen anstrengend sein

Vielleicht hilft den Großeltern zunächst eine Erkenntnis, die gar nicht so selbstverständlich ist: Sie müssen ihre Enkel nicht immer großartig finden.

Ein Kind kann liebenswert sein und gleichzeitig ausgesprochen anstrengend. Es kann klug, witzig und kreativ sein – und Oma und Opa trotzdem regelmäßig den letzten Nerv rauben. Gerade Großeltern geraten leicht unter den Druck, ihre Enkel bedingungslos toll finden zu müssen. Wenn das nicht funktioniert, entstehen schnell Schuldgefühle.

Dabei sind Liebe und Sympathie nicht dasselbe.

Auch gegenüber den eigenen Kindern gibt es Phasen, in denen Eltern bestimmte Verhaltensweisen kaum aushalten können. Großeltern dürfen sich ebenfalls eingestehen: „Mit diesem Kind verbringe ich im Moment nicht besonders gern Zeit.“

Wichtig ist vielmehr, was sie daraus machen.

Schwierige Enkel: Verhalten und Persönlichkeit unterscheiden

Bei dem sechsjährigen Jungen aus unserem Beispiel liegt die Versuchung nahe, ihm einen Stempel aufzudrücken: Er sei manipulativ, frech oder ein kleiner Tyrann. Schließlich scheint er genau zu wissen, wie er eine Situation drehen kann.

Doch aus einzelnen Verhaltensweisen lässt sich nicht ableiten, wie seine Persönlichkeit einmal aussehen wird. Ein sechsjähriges Kind ist noch mitten in der Entwicklung. Es kann bereits erstaunlich geschickt argumentieren und gleichzeitig große Schwierigkeiten damit haben, Frustration auszuhalten oder Impulse zu kontrollieren.

Auch die Vermutung, dass die Eltern „alles falsch gemacht“ haben, ist für die Großeltern zwar nachvollziehbar, aber nicht besonders hilfreich. Das Verhalten eines Kindes entsteht aus dem Zusammenspiel von Temperament, Entwicklung, Erziehung und Erfahrungen. Vielleicht haben die Eltern tatsächlich zu viel verhandelt und zu selten Grenzen gesetzt. Vielleicht bringt der Junge aber auch ein besonders ausgeprägtes Temperament mit. Wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren zusammen.

Vor allem aber ist es nicht Aufgabe der Großeltern, diese Frage bei jedem Besuch zu klären.

Dürfen Großeltern ihren Enkeln Grenzen setzen?

Sich nicht in die Erziehung einzumischen bedeutet nämlich nicht, alles hinnehmen zu müssen.

Die Eltern bestimmen grundsätzlich, wie sie ihr Kind erziehen. Die Großeltern dürfen jedoch entscheiden, welches Verhalten sie in ihrem eigenen Zuhause akzeptieren.

Schreit der Enkel beispielsweise minutenlang herum, weil er seinen Willen nicht bekommt, müssen Oma und Opa das nicht einfach aushalten.

Sie könnten ruhig sagen:

„Du darfst wütend sein. Aber bei uns wird nicht herumgeschrien.“

Oder:

„Ich höre dir gerne zu. Wenn du schreist, kann ich dir aber nicht zuhören.“

Das ist keine Konkurrenz zur Erziehung der Eltern. Es ist die Ausformulierung einer ganz normalen Grenze des Zusammenlebens.

Dabei ist es gar nicht nötig, das Kind zu bestrafen oder ihm eine lange Moralpredigt zu halten. Entscheidend ist, dass die Großeltern ruhig und vorhersehbar bleiben.

Nicht jede Auseinandersetzung muss gewonnen werden

Gerade bei einem sprachlich gewandten Kind kann schnell eine Endlosschleife entstehen.

„Ich habe doch gesagt …“

„Aber du hast …“

„Ihr glaubt mir nie!“

„Doch, natürlich glauben wir dir …“

„Dann würdet ihr mich nicht so behandeln!“

Und schon befinden sich die Erwachsenen mitten in einer Diskussion, die mit der ursprünglichen Frage – beispielsweise dem Zähneputzen – kaum noch etwas zu tun hat.

Bei dem sechsjährigen Jungen aus unserem Beispiel scheint genau dies regelmäßig zu passieren. Er behauptet, seine Zähne bereits geputzt zu haben. Die Mutter stellt fest, dass das nicht stimmt, besteht auf dem Zähneputzen – und plötzlich geht es nicht mehr um Zahnhygiene, sondern darum, dass „Mama ihm nie glaubt“. Der Junge weint und schreit so lange, bis sich die Mutter schließlich bei ihm entschuldigt.

Ob er dabei bewusst „manipuliert“, lässt sich von außen nicht beurteilen. Fest steht jedoch: Wenn ein solches Muster immer wieder dazu führt, dass die ursprüngliche Forderung verschwindet und die Erwachsenen sich beim Kind entschuldigen, kann ein Kind lernen, dass Eskalation ausgesprochen wirksam ist.

Großeltern müssen dieses Spiel nicht mitspielen.

Eine mögliche Reaktion wäre:

„Du bist gerade sehr wütend. Das sehe ich. Trotzdem müssen die Zähne geputzt werden.“

Und dabei könnte es bleiben.

Nicht zehn weitere Argumente. Keine Beweisführung. Keine Diskussion darüber, ob Mama oder Oma „glaubt“, was das Kind sagt.

Wutanfälle beim Enkel: Gefühle zulassen, Grenzen behalten

Das ist vielleicht die wichtigste Haltung, die Großeltern gegenüber einem solchen Enkel entwickeln können.

  • Ein Kind darf wütend sein.
  • Es darf eine Entscheidung ungerecht finden.
  • Es darf weinen.
  • Es darf sagen: „Das finde ich doof!“

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass die Erwachsenen ihre Entscheidung ändern müssen.

Gerade Eltern und Großeltern, die Konflikte nur schwer aushalten, geraten hier leicht in eine Falle. Sie möchten, dass das Kind sich wieder beruhigt – und geben deshalb irgendwann nach. Das kann kurzfristig Frieden schaffen, langfristig aber die nächste Eskalation wahrscheinlicher machen.

Die Alternative ist nicht Härte. Sie lautet vielmehr: „Ich halte deine Wut aus, ohne dir deshalb deinen Willen geben zu müssen.“

Die Tochter nicht mit den eigenen Erziehungserfahrungen vergleichen

Vielleicht ist es für die Großeltern besonders schwer, dass ihre Tochter früher selbst ein unkompliziertes, „braves“ Kind war.

„Du warst ganz anders.“ Dieser Satz liegt dann schnell auf der Zunge. Hilfreich ist er allerdings selten.

Zum einen vergleichen die Eltern zwei völlig unterschiedliche Kinder. Zum anderen haben sich Vorstellungen von Erziehung verändert. Viele Eltern möchten heute bewusster mit ihren Kindern umgehen, sie ernst nehmen, ihre Gefühle berücksichtigen und möglichst wenig mit Druck arbeiten.

Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes.

Problematisch kann es erst werden, wenn aus dem Ernstnehmen des Kindes die Vorstellung entsteht, dass jede elterliche Entscheidung mit dem Kind ausgehandelt werden muss.

Die Großeltern dürfen das beobachten. Sie sollten daraus aber nicht vorschnell ein Urteil über ihre Tochter machen.

Wer sagt:

„Wir haben dich schließlich auch erzogen. Bei dir hat das doch funktioniert!“

meint vielleicht Unterstützung, vermittelt aber leicht etwas ganz anderes: „Du machst es falsch.“

Gerade wenn die Tochter ohnehin unter den Konflikten mit ihrem Sohn leidet, dürfte sie sich dadurch eher beschämt als unterstützt fühlen.

Enkel erziehen oder Eltern unterstützen?

Wenn Oma und Opa den Eindruck haben, dass ihre Tochter mit dem herausforderndem Verhalten ihrer Kinder überfordert ist, können sie ihr Hilfe anbieten, ohne sich zum Erziehungsberater zu machen.

Zum Beispiel:

„Wir haben den Eindruck, dass dich diese Situationen manchmal ziemlich erschöpfen. Wenn du darüber reden möchtest, hören wir dir gerne zu. Wir möchten dir aber nicht vorschreiben, wie du deine Kinder erziehen sollst.“

Das lässt der Tochter die Entscheidung.

Fragt sie anschließend ausdrücklich:

„Was würdet ihr denn machen?“

können die Großeltern natürlich ihre Meinung sagen. Aber auch dann wäre ein „Ich würde bei manchen Dingen weniger diskutieren und eine Entscheidung einfach stehen lassen“ hilfreicher als „Du musst endlich konsequenter werden“.

Oma und Opa müssen nicht jede Situation pädagogisch lösen

Vielleicht liegt gerade darin eine große Entlastung für Großeltern: Sie müssen nicht dafür sorgen, dass aus ihrem Enkel ein wohlerzogenes Kind wird.

Sie müssen auch nicht bei jedem Streit einschreiten.

Wenn die Mutter mit ihrem Sohn über das Zähneputzen diskutiert, ist das zunächst ihre Angelegenheit. Die Großeltern müssen nicht Partei ergreifen und auch nicht kommentieren, wer Recht hat.

Anders sieht es aus, wenn die Situation ihr eigenes Wohlbefinden oder ihre eigenen Grenzen betrifft.

Dann dürfen sie sagen:

„Das ist jetzt zu laut für mich. Ich gehe kurz in die Küche und komme wieder, wenn du dich beruhigt hast.“

Damit setzen sie eine Grenze, ohne die Mutter zu kritisieren.

Vielleicht funktioniert es ohne die Eltern sogar besser

Eine weitere Möglichkeit kann sein, dass die Großeltern den Enkel gelegentlich allein zu sich nehmen – vorausgesetzt, Eltern und Kind fühlen sich damit wohl.

Das kann überraschend gut funktionieren. Sind die Eltern dabei, kann ein Kind zwischen verschiedenen Erwachsenen wechseln, deren Reaktionen es bereits kennt. Bei einem alleinigen Besuch bei Oma und Opa fällt diese Möglichkeit weg.

Dann kann eine einfache Regel gelten:

„Bei Oma und Opa läuft es so.“

Nicht strenger, nicht härter – einfach anders.

Vielleicht stellt sich dabei sogar heraus, dass der Junge im direkten Kontakt mit den Großeltern viel angenehmer ist, als es die gemeinsamen Wochenenden vermuten lassen.

Beschäftigung für anstrengende Enkel

Gerade bei Kindern, die schnell aufdrehen, wird der Besuch bei den Großeltern oft zur Zerreißprobe. Spielzeug wie Nerf-Guns, Plastikschwerter oder wilde Tobespiele sind dann zwar extrem beliebt, bergen aber eine Falle: Sie peitschen das Nervensystem noch weiter auf.

Fehlt dem Kind noch die Fähigkeit zur Impulskontrolle – also die Bremse im Kopf, die Reize filtert und Reaktionen verlangsamt –, kippt die Stimmung beim wilden Gefecht rasch von Spielfreude in echte Aggression, Tränen oder Frust.

Statt Tobe- und Waffenspiele komplett zu verbieten und Konflikte zu schüren, hilft es, den Rahmen zu verändern:

  • Regeln statt freier Aufruhr: Wenn Nerf-Guns zum Einsatz kommen, dann nicht als wilde Schlacht gegeneinander, sondern als strukturiertes Zielwerfen oder Dosen-Schießen im Garten. Das kanalisiert die Energie, ohne Adrenalin ins Unermessliche zu treiben.
  • Spiele mit integrierter „Bremse“: Bewegung ist gut, braucht aber Stopp-Signale. Klassiker wie „Grünes Licht, Rotes Licht“ (Auf Signal wie eingefroren stehen bleiben), Stopptanz oder ein Hindernis-Parcours, bei dem ein Ball auf dem Löffel balanciert werden muss, machen Spaß und trainieren ganz nebenbei die Innehalte-Fähigkeit des Gehirns.
  • Feste Übergänge zu Ruhephasen: Nach wilder Aktion tut eine klare Zäsur gut – etwa eine gemeinsame Runde Lego bauen nach Anleitung oder eine Hörspiel-Pause bei einem Snack.

Indem Großeltern solche Rahmenbedingungen vorgeben, entlasten sie nicht nur sich selbst, sondern bieten auch dem Enkelkind genau die Orientierung, die es braucht, um den Besuch genießen zu können.

Eine gute Beziehung zum Enkel aufbauen – auch wenn er anstrengend ist

Wenn Oma und Opa den Jungen hauptsächlich in Konfliktsituationen erleben, kann sich ihre Wahrnehmung immer weiter verengen: Er ist dann „derjenige, der ständig Nein sagt“, „derjenige mit den Wutanfällen“ oder eben „der nervige Enkel“.

Deshalb lohnt es sich, Situationen zu schaffen, in denen es gar nicht um Erziehung geht.

Vielleicht baut der Großvater mit ihm eine komplizierte Lego-Burg. Vielleicht backt die Großmutter mit ihm Pfannkuchen. Vielleicht gehen beide in den Garten, schauen nach den Tomaten oder fahren gemeinsam Fahrrad.

Dabei muss nicht ständig gelobt, erklärt und pädagogisch begleitet werden. Die beiden dürfen einfach etwas miteinander erleben. Gerade für ein Kind kann es wichtig sein, einen Erwachsenen zu haben, bei dem es nicht ständig um die Frage geht, ob es sich gerade richtig oder falsch verhält.

Und wenn Oma und Opa trotzdem genervt sind?

Dann dürfen sie sich eine Pause wünschen.

Auch Großeltern müssen ihre eigenen Grenzen kennen. Wenn ein ganzes Wochenende regelmäßig in Stress ausartet, kann es sinnvoller sein, die Besuche kürzer zu gestalten.

Ein gemeinsamer Nachmittag kann besser funktionieren als drei Tage unter einem Dach. Auch eine Übernachtung muss keine Pflicht sein, nur weil man Großeltern ist.

Und manchmal ist es sogar besser, sich nach einem schönen Nachmittag zu verabschieden, bevor alle Beteiligten erschöpft sind.


Anstrengende Enkel: Was wirklich zählt

Wenn den Großeltern beim nächsten Wutanfall wieder „Was für ein Satansbraten!“ durch den Kopf geht, könnten sie versuchen, den Gedanken etwas anders zu formulieren:

„Wir mögen dich. Wir hören dir zu. Du darfst wütend sein. Aber du bestimmst nicht alles – und wir lassen uns auch nicht anschreien.“

Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Tatsächlich kann es helfen, zwischen dem Verhalten eines Kindes und seiner Person zu unterscheiden.

Der sechsjährige Junge ist kein fertiger Charakter. Er probiert aus, wie die Welt funktioniert, wie weit er gehen kann und wie Erwachsene auf seine Gefühle reagieren. Er wird sich noch verändern – wahrscheinlich sehr.

Die Großeltern müssen heute deshalb auch noch gar nicht wissen, was für ein Mensch aus ihm einmal wird.

Sie müssen nur entscheiden, wie sie selbst mit ihm umgehen möchten. Und: Es sind sind die schwierigen Situationen im Leben, die uns zum Nachdenken bringen und aus denen wir wichtige Schlüsse ziehen.

In diesem Sinne möchte ich mit Alanis Morrissette schließen, die einst sang:

You live, you learn
You love, you learn
You cry, you learn
You lose, you learn
You bleed, you learn
You scream, you learn

Wir können nur schlauer werden 🙂


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