Demokratie

Kürzlich wurde in einem Radiobeitrag die Letzte Generation erwähnt, und es erstaunte mich, wie schnell etwas in Vergessenheit geraten kann, das einst in aller Munde war. Ach ja, die Klimakleber…! Wann war das nochmal?

Ich glaube, die Letzte Generation hat sich mittlerweile aufgelöst. Bewirken konnte sie nichts. Wahrscheinlich auch das ein Grund, weshalb sie so nachhaltig aus dem allgemeinen Gedächtnis getilgt wurde.

Wie auch immer, ich sympathisierte damals mit dieser Gruppe. Schließlich setzte sie sich für den Umwelt- und Klimaschutz ein – etwas, von dem wir alle profitieren. Und nachdem Fridays for Future mit ihren Demos nichts bewegen konnten, war die Letzte Generation offenbar der Meinung, härtere Bandagen anlegen zu müssen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Sie klebte sich also an Straßen fest. 

Im Prinzip forderten ihre Mitglieder nur eines: Mit Olaf Scholz, dem damaligen Bundeskanzler, über Klimapolitik reden zu dürfen.

Und was antwortete Olaf Scholz darauf?:

Ich rede nicht mit Idioten.

Nicht einmal die Grünen, die damals mit in der Regierung saßen, ließen sich auf ein Gespräch mit den Klimaaktivisten ein. 

Ich weiß noch, wie ernüchtert ich war, als ich mitbekam, dass sich wirklich alle Politiker gegen die Letzte Generation stellten, sie sogar als Terroristen brandmarkten. Man verglich sie mit der RAF. Sie wurden das personifizierte Böse, gehasst und verunglimpft von allen Seiten.

Dabei waren auch die Mitglieder der Letzten Generation Bürger und Bürgerinnen dieses Staates, sie waren ein Teil des Deutschen Volks, wenn auch ein winzigkleiner. 

Ja, vielleicht ein „idiotischer“ Teil des Deutschen Volkes, aber immer noch Wähler*innen. Trotzdem wollte sich kein einziger Volksvertreter ihrer Anliegen annehmen. 

Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich offenbar ein falsches Verständnis von Demokratie gehabt habe. 

Tatsächlich beschränkt sich die demokratische Teilhabe des Volkes lediglich darauf, alle vier Jahre ein Kreuzchen zu setzen (selbstverständlich nur bei den richtigen Parteien) und in der Zwischenzeit gefälligst die Schnauze zu halten. Demos werden ignoriert, Protestaktionen sowie ziviler Ungehorsam verteufelt. 

Das Volk ist ein Idiot.

Hätte die Letzte Generation eine Partei gegründet, ich hätte sie gewählt, einfach um meiner Enttäuschung über das mangelnde Verständnis der etablierten Parteien Ausdruck zu verleihen.

Und deshalb verstehe ich auch all die Menschen in Sachsen-Anhalt, die rechts gewählt haben. Ich hatte absolut keinen Zweifel daran, dass die AfD in dem Bundesland die Regierung anführen würde. Mein Gott, man hat es dieser Partei aber auch leichtgemacht: Sie brauchte bloß das riesige Vakuum zu füllen, das entstanden war, weil sich die Menschen missverstanden oder gar nicht erst gehört fühlten. Es reichte, ihnen das Gefühl zu geben, ihre Sorgen ernstzunehmen. Ein paar Streicheleinheiten, wenn man vom Rest der Welt als dumm abgestempelt wird, tun der Seele einfach gut.

Die Medien leisteten Beihilfe, indem sie jedwede Gesprächskanäle kappten – frei nach dem Motto „Diesen Idioten geben wir keine Bühne!“. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Brandmauer, welche von den Politikern etablierter Parteien hochgezogen wurde. Und schwupps hatten sie ein Gemeinschaftsgefühl unter den Sympathisanten der AfD geschaffen. Ein Wir gegen die!

Etwas, in dem die Leute offenbar gern aufgehen. Obwohl sie es besser wissen müssten.

Manchmal gehe ich ins Olympiastadion, um mir ein Spiel von Hertha BSC anzuschauen. Ein echter Fan bin ich nicht, aber ich begleite meine echten Fans ganz gerne 😉 Und ich freue mich natürlich, wenn ein Tor für Hertha fällt – oder Hertha sogar gewinnt!

Als Fan unter Fans kommt schnell eine ganz wunderbar einmütige Atmosphäre auf. Man versteht und bestärkt sich, leidet und freut sich zusammen, auch wenn man vielleicht sonst nichts gemeinsam hat. Doch für den Moment ist man vereint, steht auf derselben Seite – und kämpft gegen denselben Feind (ergo die gegnerische Mannschaft). 

Ich denke, dass man sich als AfD-Sympathisant ganz ähnlich fühlt. Man ist nicht einfach nur Wähler, man ist Teil von etwas Größerem. Das pusht den Selbstwert, kann aber auch zur Abkapselung von der Mitte der Gesellschaft führen. Dieses Freund-Feind-Denken wurde übrigens nicht von der AfD heraufbeschworen. Es beruht auf den Geistern, die die etablierten Parteien einst riefen, als sie sich darin einig waren, mit Idioten nicht reden zu wollen.


Häufig fragen sich vor allem die Vertreter*innen der Bildungselite, wie „man“ nur so dumm sein könne, die Rechten zu wählen. Ob man der schrecklichen Nazi-Vergangenheit nicht gewahr wären. Und sie kommen mit irgenwelchen Fakten-Checks oder versuchen, die Versprechen der AfD anderweitig rational zu widerlegen. Vermutlich sind sie weniger daran interessiert, die Idioten umzustimmen, als vielmehr darzulegen, wie verdammt aufgeklärt und moralisch überlegen sie sind.

Mich würde viel mehr interessieren, wie unsere Politiker*innen nur so dumm sein konnten, ihren Job als Volksvertreter*innen nicht ernst genug zu nehmen.

Wir leben in einer Zeit, in der ein Großteil der Wähler nicht mehr den eigenen Verstand gebraucht, sondern rein nach Gefühl wählt. Und diese Gefühle stützen sich nur zu oft auf Fake News. Argumentativ kommt man gegen diese Menschen nicht mehr an. Doch sie einfach als Idioten zu brandmarken, hat sie nur noch enger zusammengeschweißt.

Anne


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