Es gibt Dinge, die man seinen Kindern nicht unbedingt erzählen möchte. Nicht, weil man etwa ein Doppelleben geführt hätte. Manche Gedanken sind einfach privat. Die ein oder andere Freundschaft gehört zu einer anderen Lebensphase. Und einige Nachrichten würden, aus dem Zusammenhang gerissen, vermutlich ein ganz anderes Bild von einem Menschen zeichnen, als es seinem tatsächlichen Leben entspricht.
Was aber, wenn die eigenen Angehörigen nach dem Tod Zugriff auf das Smartphone bekommen?
Auf einem einzigen Gerät können sich heute ganze Lebensarchive befinden: WhatsApp-Chats, E-Mails, Fotos, Sprachnachrichten, Notizen und Dokumente. Wer die PIN des Smartphones kennt, hat möglicherweise Zugang zu einem großen Teil dieses digitalen Lebens.
Für Menschen, die sich mit ihrem digitalen Nachlass beschäftigen, stellt sich deshalb eine durchaus unangenehme Frage:
Was sollen meine Kinder nach meinem Tod von mir sehen – und was besser nicht?
Die gute Nachricht: Sie können schon zu Lebzeiten einiges dafür tun, dass diese Entscheidung nicht allein Ihren Angehörigen überlassen bleibt.
Das Smartphone ist heute ein digitales Tagebuch
Früher lag ein persönliches Tagebuch vielleicht in einer Schublade. Man schrieb hinein, was einen beschäftigte, welche Sorgen man hatte oder was man niemals laut aussprechen wollte – im Vertrauen darauf, dass niemand diese Seiten lesen würde.
WhatsApp ist in gewisser Weise ähnlich. Auch dort finden sich persönliche Gedanken, Gefühle, Streitigkeiten, Sorgen und intime Gespräche.
Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Ein Chat ist ein Tagebuch, das man gemeinsam mit anderen führt.
Und deshalb betrifft die Frage nach dem digitalen Nachlass nicht nur die eigene Privatsphäre. In einem WhatsApp-Verlauf stehen auch die Nachrichten anderer Menschen. Freunde, Geschwister, Kollegen oder Bekannte haben möglicherweise Dinge geschrieben, die sie ebenfalls nicht für die Augen der Familie bestimmt haben.
Wer seinen digitalen Nachlass regelt, sollte deshalb nicht nur überlegen:
Wer soll Zugang zu meinen Daten bekommen?
Sondern auch:
Welche Daten sollen überhaupt noch vorhanden sein, wenn ich nicht mehr da bin?
Der erste Schritt: digital aufräumen
Die einfachste Möglichkeit, private Informationen zu schützen, ist gleichzeitig die banalste: Löschen Sie, was Sie nicht hinterlassen möchten.
Gehen Sie Ihre WhatsApp-Chats, E-Mails, Fotos und Dateien einmal mit etwas Abstand durch. Besonders alte Unterhaltungen geraten schnell in Vergessenheit. Vielleicht gibt es längst nicht mehr benötigte Chats, Fotos oder Dokumente, die Sie heute gar nicht mehr aufbewahren würden.
Fragen Sie sich dabei:
- Welche Chats möchte ich wirklich behalten?
- Welche Fotos sollen meine Angehörigen später sehen?
- Welche Nachrichten sind rein privat?
- Welche Dateien werden nach meinem Tod noch benötigt?
- Gibt es alte Online-Konten oder Unterhaltungen, die längst überflüssig sind?
Dabei sollten Sie sich allerdings bewusst sein: Das Löschen auf Ihrem eigenen Gerät bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Nachricht auch bei anderen Menschen verschwunden ist. Ein Chatpartner kann Nachrichten bereits gespeichert, weitergeleitet oder anderweitig gesichert haben.
Das Ziel des digitalen Aufräumens besteht deshalb nicht darin, nachträglich jede Spur aus dem Internet zu entfernen. Es geht darum, das eigene digitale Archiv bewusst zu verkleinern.
Reicht die PIN meines Smartphones als Schutz?
Hier lohnt sich ein genauer Blick.
Wenn Ihr Smartphone durch eine PIN, ein Passwort oder eine andere Gerätesperre geschützt ist, können Fremde nicht ohne Weiteres auf die Inhalte zugreifen. Wer allerdings Ihre PIN kennt oder sie nach Ihrem Tod beispielsweise aus Ihren Unterlagen erfährt, kann je nach Gerät möglicherweise auf zahlreiche Apps und gespeicherte Daten zugreifen.
Deshalb sollten Sie überlegen, welche Informationen tatsächlich über das entsperrte Smartphone erreichbar sind.
Dazu gehören möglicherweise:
- WhatsApp und andere Messenger
- E-Mail-Postfächer
- Fotos und Videos
- Cloud-Speicher
- Notizen
- Kalender
- gespeicherte Dokumente
- soziale Netzwerke
- Banking- und Finanz-Apps
- Passwortmanager
Das Smartphone ist damit längst mehr als ein Telefon. Es ist häufig der Schlüssel zum gesamten digitalen Leben.
WhatsApp zusätzlich schützen
WhatsApp bietet neben der normalen Gerätesperre verschiedene Sicherheitsfunktionen.
Eine davon ist die Chat-Sperre. Damit lassen sich einzelne Chats in einen geschützten Bereich verschieben. Für gesperrte Chats kann zusätzlich ein geheimer Code eingerichtet werden, der sich vom Gerätecode unterscheiden kann. WhatsApp weist darauf hin, dass gesperrte Chats auch nach einer Wiederherstellung auf einem neuen Telefon gesperrt bleiben; für den Zugriff ist eine Geräteauthentifizierung erforderlich.
So sperren Sie einen besonders privaten WhatsApp-Chat
Je nach WhatsApp-Version kann die Bezeichnung geringfügig abweichen:
WhatsApp öffnen → gewünschten Chat auswählen → Chat-Info öffnen → „Chat sperren“ aktivieren → anschließend den Anweisungen für die Geräteauthentifizierung bzw. den geheimen Code folgen.
Der geheime Code ist dabei besonders interessant, wenn Sie einzelne Unterhaltungen stärker schützen möchten. WhatsApp erlaubt auch, gesperrte Chats aus der normalen Chatliste auszublenden.
Wichtig: Die Chat-Sperre ist kein Ersatz für einen sicheren Gerätecode. Wer sein Smartphone entsperrt übergibt oder die Geräte-PIN kennt, sollte deshalb grundsätzlich auch die übrigen Sicherheitsvorkehrungen prüfen.
Zwei-Schritt-Verifizierung: Was bringt sie?
WhatsApp bietet außerdem eine optionale Verifizierung in zwei Schritten. Sie erhöht die Sicherheit des WhatsApp-Kontos, indem bei bestimmten Vorgängen eine zusätzliche Authentifizierung erforderlich ist. WhatsApp empfiehlt ausdrücklich, den entsprechenden Code beziehungsweise das Passwort nicht an andere Personen weiterzugeben.
Sie finden die Funktion in WhatsApp unter:
Einstellungen → Konto → Verifizierung in zwei Schritten
Je nach aktueller App-Version kann WhatsApp die Bezeichnung und den Ablauf verändern; inzwischen wird der bisherige sechsstellige PIN bei WhatsApp schrittweise durch ein Passwort ersetzt.
Aber Achtung: Diese Funktion dient in erster Linie dem Schutz Ihres WhatsApp-Kontos vor einer unbefugten Übernahme. Sie ist nicht dafür gedacht, nach dem Tod den Zugriff auf die Inhalte des bereits entsperrten Smartphones zu regeln.
Was passiert mit den WhatsApp-Backups?
Das ist für den digitalen Nachlass besonders wichtig.
WhatsApp kann regelmäßig Sicherungskopien des Chatverlaufs anlegen. Bei Android werden diese mit dem Google-Konto gesichert, bei iPhones in iCloud. WhatsApp weist darauf hin, dass solche Backups standardmäßig nicht durch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von WhatsApp geschützt sind, sofern Sie die zusätzliche Verschlüsselung des Backups nicht ausdrücklich aktiviert haben.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Angehörige einfach Google Drive oder iCloud öffnen und dort einen Ordner mit sämtlichen WhatsApp-Nachrichten vorfinden.
Das Backup ist vielmehr dafür gedacht, den Chatverlauf über WhatsApp auf einem Gerät wiederherzustellen. Für die Wiederherstellung sind unter anderem das entsprechende Google- beziehungsweise Apple-Konto und die WhatsApp-Kontodaten erforderlich.
Was bedeutet das für Ihren digitalen Nachlass?
Hier müssen Sie sich eine wichtige Frage stellen:
Soll Ihre Vertrauensperson später auf das WhatsApp-Backup zugreifen können – oder gerade nicht?
Wenn Sie das Backup mit einem Passwort oder Schlüssel verschlüsseln und diesen niemandem hinterlassen, wird der Zugriff für Angehörige deutlich schwieriger.
Das kann im Sinne Ihrer Privatsphäre sein. Es kann aber auch bedeuten, dass wichtige Erinnerungen oder Informationen verloren gehen.
Deshalb sollte die Entscheidung bewusst getroffen werden und nicht einfach dadurch entstehen, dass ein Passwort vergessen wurde.
E-Mails sind oft noch heikler als WhatsApp
Im E-Mail-Postfach vermischen sich ganz unterschiedliche Bereiche des Lebens.
Dort können Rechnungen, Versicherungsunterlagen und Vertragsunterlagen liegen. Gleichzeitig können sich dort private Nachrichten, alte Liebesbriefe, persönliche Auseinandersetzungen oder vertrauliche Mitteilungen befinden.
Eine sinnvolle digitale Nachlassregelung muss deshalb nicht lauten:
„Meine Tochter darf meine E-Mails lesen.“
Sie könnte viel genauer sein:
„Meine Tochter darf das Postfach nach Rechnungen, Versicherungsunterlagen und Verträgen durchsuchen. Private Korrespondenz soll sie nicht lesen.“
Oder:
„Bestimmte E-Mails dürfen an die Familie weitergegeben werden, persönliche Nachrichten sollen gelöscht werden.“
Je konkreter Sie Ihre Wünsche formulieren, desto weniger müssen Ihre Angehörigen später erraten.
Was sollen meine Angehörigen von mir wissen?
Das ist vielleicht die schwierigste Frage der gesamten digitalen Nachlassplanung.
Natürlich wünschen sich viele Menschen, dass ihre Kinder sich nach ihrem Tod an sie erinnern. Alte Fotos, Sprachnachrichten oder liebevolle WhatsApp-Nachrichten können dabei sogar Trost spenden.
Aber muss die Familie deshalb wirklich jede Nachricht kennen?
Vielleicht haben Sie mit einer Freundin über den ein oder anderen Angehörigen gelästert. Vielleicht gibt es einen privaten Chat aus einer schwierigen Lebensphase. Vielleicht haben Sie jemandem etwas anvertraut, das niemals für die Augen Ihrer Familie bestimmt war.
Privatsphäre endet nicht automatisch mit dem Tod.
Deshalb kann es sinnvoll sein, zwischen drei Kategorien zu unterscheiden:
Das darf bleiben
Zum Beispiel:
- Familienfotos
- schöne Erinnerungen
- Sprachnachrichten
- wichtige Dokumente
- bestimmte Briefe oder E-Mails
Das soll nur gesichert werden
Zum Beispiel:
- Versicherungsunterlagen
- Verträge
- Rechnungen
- Informationen für die Nachlassabwicklung
Das soll verschwinden
Zum Beispiel:
- sehr persönliche Chats
- alte Nachrichten
- private Fotos
- nicht mehr benötigte Dokumente
- bestimmte persönliche Korrespondenz
Diese Einteilung können Sie für sich selbst vornehmen und – soweit sinnvoll – einer Vertrauensperson entsprechende Anweisungen geben.
Was passiert mit Nachrichten anderer Menschen?
Das wird bei der digitalen Nachlassplanung leicht übersehen.
Ein WhatsApp-Chat besteht schließlich nicht nur aus Ihren eigenen Nachrichten. Auch die andere Person hat darin möglicherweise private Dinge geschrieben.
Vielleicht hat Ihnen eine Freundin von Eheproblemen erzählt. Vielleicht hat ein Sohn Ihnen etwas anvertraut, das seine Geschwister nicht wissen sollten. Vielleicht hat ein Freund über seine eigene Erkrankung gesprochen.
Wenn Ihre Angehörigen später den gesamten Chatverlauf lesen, erfahren sie deshalb möglicherweise nicht nur etwas über Sie, sondern auch über das Privatleben anderer Menschen.
Das ist ein weiterer Grund, Nachrichten nicht einfach nach dem Motto „Meine Familie darf nach meinem Tod alles sehen“ zu behandeln.
Was sollten Sie jetzt konkret tun?
Sie müssen nicht an einem Wochenende Ihr gesamtes digitales Leben neu ordnen. Gehen Sie Schritt für Schritt vor.
1. Räumen Sie zunächst auf.
Löschen Sie alte Chats (einen einzelnen WhatsApp-Chat löschen Sie, indem Sie den Chat in Ihrer Übersicht gedrückt halten (Android) oder nach links wischen/bearbeiten (iPhone) und das Mülleimer-Symbol bzw. „Löschen“ auswählen), E-Mails, Fotos und Dateien, die Sie nicht mehr benötigen.
2. Sichern Sie wichtige Erinnerungen.
Überlegen Sie, welche Fotos, Videos oder Nachrichten Ihre Angehörigen später tatsächlich gerne behalten würden.
3. Prüfen Sie WhatsApp.
Schauen Sie sich besonders alte Chats an und überlegen Sie, welche davon bleiben sollen.
4. Prüfen Sie Ihre Backups.
Kontrollieren Sie, ob WhatsApp regelmäßig sichert und ob Ihr Backup zusätzlich Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist.
5. Sichern Sie Ihr Smartphone.
Verwenden Sie einen sicheren Gerätecode und prüfen Sie, welche Apps vom entsperrten Gerät aus erreichbar sind.
6. Überlegen Sie, welche Informationen Ihre Vertrauensperson benötigt.
Für die Nachlassabwicklung können bestimmte Zugänge wichtig sein. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass diese Person Ihre komplette private Kommunikation lesen soll.
7. Schreiben Sie Ihre Wünsche auf.
Notieren Sie beispielsweise: „Fotos sichern“, „private Chats nicht lesen“, „bestimmte E-Mails löschen“ oder „Cloud-Speicher kündigen“.
8. Aktualisieren Sie Ihre Regelung regelmäßig.
Ein digitaler Nachlass verändert sich ständig. Neue Geräte, neue Apps und neue Passwörter machen eine regelmäßige Überprüfung sinnvoll.
Und wenn ich gar nicht möchte, dass meine Kinder meine Chats lesen?
Dann sollten Sie nicht erst auf den Todesfall warten.
Löschen Sie Nachrichten, die Sie nicht hinterlassen möchten. Schützen Sie Ihr Smartphone. Nutzen Sie – sofern für Sie sinnvoll – zusätzliche Schutzfunktionen wie die WhatsApp-Chat-Sperre und ein Ende-zu-Ende-verschlüsseltes Backup (Anleitung siehe oben).
Gleichzeitig sollten Sie bedenken, dass technischer Schutz und Nachlassplanung zwei unterschiedliche Dinge sind.
Eine besonders gut gesichertes WhatsApp kann verhindern, dass jemand spontan Ihre Chats liest. Sie sagt aber nichts darüber aus, wie Ihre Angehörigen später an wichtige Informationen kommen sollen.
Vielleicht brauchen sie beispielsweise Ihre Versicherungsunterlagen, einen Vertrag oder ein bestimmtes Familienfoto.
Deshalb ist eine Kombination aus Aufräumen, Absichern und gezielter Nachlassregelung meist sinnvoller als der Versuch, einfach alles zu verriegeln.
Ein digitales Tagebuch, das andere mitlesen könnten
Wer Tagebuch schreibt, tut das normalerweise für sich. Man schreibt Gedanken nieder, die man niemandem erzählen möchte, und vertraut darauf, dass diese Seiten privat bleiben.
Unsere digitalen Nachrichten sind anders. Sie können genauso persönlich sein wie ein Tagebuch – nur sind sie auf Geräten und in Clouds gespeichert und teilweise gemeinsam mit anderen Menschen entstanden.
Ein WhatsApp-Chat ist deshalb gewissermaßen ein Tagebuch, das man gemeinsam mit jemand anderem führt.
Vielleicht ist das ein guter Grund, vor dem Ordnen des digitalen Nachlasses einmal innezuhalten und sich zu fragen:
Was möchte ich von mir hinterlassen?
Nicht jede Nachricht muss für immer aufbewahrt werden. Nicht jedes Geheimnis muss nach dem Tod gelüftet werden. Und nicht jede private Unterhaltung gehört automatisch zur Familiengeschichte.
Digitaler Nachlass bedeutet deshalb nicht nur, Passwörter zu hinterlegen und Konten zu verwalten. Er bedeutet auch, selbst zu entscheiden, welches Bild von uns bleiben soll – und welche Seiten unseres Lebens privat bleiben dürfen.
Vielleicht ist genau das die persönlichste Form der Vorsorge.





